Das philosophische Konzept und Urgedanke des advaita vedanta ist sehr alt und zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte indische Geschichte der Spiritualität und Religion, ist also älter als 2000 Jahre und hat alle philosophischen Weltbilder beeinflusst und überdauert.

Von der mystischen Erfahrung zur konzeptionellen Klarheit

Zu Beginn waren es die mystischen Erkenntnisse der indischen Rishis oder Weisen, die in der tiefen Versenkung und Meditation erkannten, dass es eine unterliegende Essenz gibt, die jede Lebensform erscheinen und entstehen lässt. Sie nannten diese Ursubstanz Brahman, die ultimative Wahrheit, der alles zugrunde liegt, und die es als die eine Wahrheit zu erkennen gilt.

Nicht-Zweiheit oder Non-Dualität als wesentlicher Grundsatz von Advaita Vedanta

Vedanta bedeutet wörtlich übersetzt: nach den Veden, wobei die Veden für Erkenntnisse tiefster Spiritualität oder Offenbarungen stehen. Anta heißt aber auch jenseits, und meint jenseits der Zeit, womit gesagt sein will, dass diese Offenbarung für immer und ewig gilt, dass es ein Urwissen ist. Advaita bedeutet nicht zwei, und meint ungeteilt, non-dual, das heißt, dass es sich bei Advaita Vedanta um eine sogenannte Einheitslehre handelt, die uns Menschen lehren will, dass wir nicht zweigeteilt, sondern vielmehr eins mit Brahman sind. Wir sollen erkennen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Universellem und Individuellem, dass die Essenz, der alles zugrunde liegt immer nur eine ist: Brahman.

Realität und Ich-Bezogenheit als Illusion

Die Ursubstanz aus der Alles entsteht und Form annimmt ist Brahman, alles andere sind Formen, Erscheinungen und Konzepte. In dieser Welt der Erscheinungen wähnen wir, gemäß dieser Philosophie, die Realität und unsere Wirklichkeit, und verstehen uns in dieser Realität als einzigartig und abgekapselt. Wenn wir dann einen Schicksalsschlag haben, erfahren wir den als persönliches Leid und fragen uns: „Warum ich“. Dazu muss man wissen, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Frage nach dem Leid immer im zentralen Mittelpunkt der indischen Philosophien und Religionen steht.

Verhaftung im Ego durch Verschleierung (maya)

Advaita Vedanta will den persönlichen Schmerz nicht wegdenken und uns realitätsfern machen. Diese Einheitslehre eröffnet aber ein weiteres Bild der Realität und der Illusion, genannt Maya. Ein Praktizierender und Yogi erfährt demnach mit Hilfe der yogischen Säulen, Studium, Hingabe, Selbstlosigkeit und Meditation, seine Einheit mit brahman (jivo brahmavia). Auch wenn dieses Weltbild kognitiv und theoretisch gut nachvollziehbar ist, sind es immer wieder die eigenen Ideen und Konzepte, die sich aufspalten in Subjekt und Objekt, in Ego und alles Andere. In einen Betrachter, der seine Erfahrung macht, und einen weiteren Betrachter, der eine unterschiedliche, veränderte Erfahrung macht und daher anders ist. Doch in advaita vedanta gibt es grundsätzlich nur das Eine, Ewige, Unveränderliche, Unbedingte, Absolute als Realität.

Advaita Vedanta veranschaulicht in der Bhagavad Gita

Wunderschön beschrieben und erläutert wird diese Philosophie in der Bhagavad Gita („Gesang des Herrn“), kurz auch Gita genannt, der heiligen Schrift Indiens. Die Gita besteht aus einem Dialog. Diese Dialogform wird in den yogischen Schriften oft gewählt, weil sich dadurch die Lehre am besten weitergeben lässt. Es ist dann so als würden zwei Menschen miteinander reden. Der Eine, nach Erkenntnis Suchende, fragt immer wieder nach und der Andere, der Weise, Seher oder Lehrer gibt die Antworten, die Klarheit schaffen. In der Bhagavad Gita ist es ein siegesgewisser Prinz Arjuna, der plötzlich vor der entscheidenden Schlacht in tiefe Zweifel gerät und nicht mehr weiß, wozu die Schlacht, warum Krieg und Familienzwist, warum Leid und Tod. Arjuna möchte daraufhin am liebsten weglaufen. Er fragt in seiner Not seinen Wagenführer, der sich später als Krishna, Inkarnation des Gottes Vishnu entpuppt, nach dem Sinn des Ganzen. Krishna lässt Arjunas Fragen nicht offen. Dennoch sind die Antworten verschlüsselt und mystisch, verlangen nach Interpretation und Unterweisung. Auch wenn wir heute die Aussagen der Bhagavad Gita verstehen wollen, bedarf es der modernen Analyse von Schriftgelehrten, die Sanskrit können und uns heute noch durch ihre Übersetzung die tiefe Wahrheit des Seins mithilfe der Fragen Arjunas und der Antworten Krishnas auslegen.

Die Erfahrung reinen Bewusstseins (brahman) in Augenblicken puren Glücks (ananda)

Die Erkenntnis wird auch mit reinem Bewusstsein bezeichnet und lässt Momente der Erleuchtung zu. In diesen Momenten stellt sich dann ein hohes Glücksgefühl ein, das weit über das persönliche Glück, das in der Regel mit äußeren Gegebenheiten und Bedingungen zu tun hat, hinausgeht. Dieser Moment wird als sat chit ananda, Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit beschrieben. In diesem Augenblick erfährt der Yogin sein Dasein im tiefsten Bewusstsein, was ihn bedingungslos glücklich und frei macht.

Alles ist Brahman, es gibt nur das Eine heißt brahma satyam. Alles andere ist nur Form (rupa), eine vorübergehende zeitlich limitierte Erscheinung. Erfahren wir das als Wirklichkeit, werden wir getäuscht durch maya, die Illusion.

Höchste Erkenntnis in der Philosophie von Adaviata Vedanta: tat tvam asi

tat tvam asi heißt wörtlich übersetzt: “Du bist ES” und will sagen, dass wir so wie Brahman, göttliche Essenz sind. Zweifeln wir daran, so ist es, weil wir noch nicht richtig sehen (maya) oder meinen zu wissen (avidya), was eine wahre Erleuchtung verhindert. Ein weiterer Grund ist adhyasa, die falsche Annahme, die uns denken lässt, das Wahrgenommene sei wirklich so und entspräche der Realität. Dies ist auch die Kernaussage Krishnas auf Arjunas Frage nach dem Sinn des Lebens und seiner Rolle im Leben, sagt er doch: Verbinde Dich mit mir, ich bin ES und Du bist nichts anderes als ES, der Rest ist vergänglich und Illusion.

Der Weg zur höchsten Erkenntnis im Advaita Vedanta: neti neti

Gibt es im klassischen Yoga den achtgliedrigen Pfad als Anleitung, um zur höchsten Erkenntnis oder zu samadhi (Erleuchtung) zu gelangen, so gibt es auch in der Philosophie und Praxis des advaita vedanta einen Weg, um zur höchsten Erkenntnis von Brahman und des tat tvam asi zu gelangen. Dieser Weg heißt neti neti, was soviel heißt wie: „nicht dies, nicht das“. Der Übende oder Praktizierende, der Yogin soll durch ein Ausschlussverfahren vom Falschen zum Richtigen kommen, wobei falsch die Diversifizierung und Trennung, und richtig, die Erfahrung des Einen, Absoluten bedeutet. Nur in der absoluten Versenkung und tiefsten Meditation, so die Lehre, erfährt der Yogi das Aufgehen im Einen. Die tägliche Erfahrung der Abtrennung, der Individuation und des Ego, der Eindruck von Subjekt und Objekt ist demnach zwar eine persönliche, vermeintliche Realität, hat aber mit der dahinterstehenden Wahrheit und absoluten (unveränderlichen) Realität nichts zu tun, da sie nur eine Illusion (maya) ist.

 

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